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Selbsterziehung 

Es war einmal ein Schäfer, der führte seine Herde jeden Tag zu grünen, saftigen Weiden. Eines Tages stürzte sich aus dem nahen Dschungel eine hungrige Löwin auf die Herde, und die Schafe flohen entsetzt in alle Richtungen. Die Löwin war trächtig, und als sie einen grossen Sprung machte, ging er über ihre Kraft. Sie stürzte tot zusammen. Im selben Augenblick wurde das Junge geboren. Der Hirte nahm das Löwenjunge und zog es mit seinen Schafen auf. Es wuchs heran und lebte wie ein Schaf. Es wuchs zu einem mächtigen Löwen heran. Aber auch der grosse Löwe frass Gras und blökte wie ein Schaf. An einem heissen Sommertag kam aus dem nahen Dschungel wiederum ein wilder, stolzer Löwe, brach in die Herde ein und stillte seinen Hunger. Die Schafe flüchteten wild und mit ihnen der blökende Löwe. Der Löwe aus dem Dschungel entdeckte zu seinem grössten Erstaunen den fliehenden Löwen. Er packte ihn und fragte: "Bruder, warum blökst du? Was ist aus deiner edlen Stimme geworden?" Der Schaflöwe aber flehte voller Angst: "Oh, ich bin nur ein kleines Schaf, oh, tue mir kein Leid an." - "Du bist kein Schaf, du bist ein mächtiger Löwe", sagte der Löwe aus dem Dschungel. Der König des Dschungels packte den närrischen Löwen, führte ihn zu einem tiefen Brunnen und sagte "Schau dein Bild im Wasser und erkenne, wer du bist." Angstvoll und zaghaft über den Brunnenrand sich beugend, erwartete das zitternde Geschöpf den Kopf eines kleinen Schafes zu erblicken, aber zu seiner grössten Überraschung war da kein Schaf, sondern der mächtige Kopf eines Löwen. Da stieg die Freude hoch in ihm und vor Glück wollte er blöken - aber es wurde ein gewaltiges Brüllen, von dem der ganze Dschungel erbebte. Und so verschwand der Löwe in seine unendliche Heimat, den Urwald. 
(aus "Selbsterziehung durch Yoga" von S. Yesudian)

Wenn schwere Probleme uns einengen und fast erdrücken, wenn wir glauben, kleine elende Geschöpfe zu sein, wenn wir keinen Mut haben, vorwärts zu gehen, wenn wir uns von der Hilfe anderer abhängig machen, wenn wir im dunkeln Keller der Unwissenheit sitzen und vor Furcht zittern, dann müssen wir uns diese Geschichte in Erinnerung rufen und wissen, dass all dies nur das Betragen eines Schafes ist, eines unwissenden, kleinen Schafes. In solchen Zeiten berührt Leid unser Herz, nur um uns die Wahrheit zu zeigen, und es verlässt uns nicht, solange wir nicht alles tun, um uns aus dem selbstgeschaffenen, qualvollen Zustand zu befreien. 
Leid zwingt uns in die Einsamkeit der Selbstbetrachtung, wo wir die Augen nach innen wenden, um unser wahres Gesicht im Herzen wiedergespiegelt zu finden. Dann erwachen wir und erkennen, wer und was wir sind. Wie oft lassen wir zu, dass wir und andere auf unserer menschlichen Würde herumtreten. Wenn wir so handeln, leiden wir unter der Herabsetzung in solchem Masse, dass wir schliesslich gezwungen sind, durch eigene Anstrengung das selbst verursachte Leid wieder aufzulösen. 

Was sind wir? Nicht nur ein Körper, der allen Wandlungen unterworfen ist, nicht nur eine Seele, die zwischen Freud und Leid hin und her pendelt, sondern das geistige Selbst, das sich nicht wandelt, das nicht stirbt und das nicht zerstört werden kann. Lassen wir am Abend beim Einschlafen unseren letzten Gedanken sein: "Ich bin das Selbst, das ewige, das unsterbliche Selbst." Und der erste Gedanke am Morgen sei wiederum: "Ich bin das Selbst, das ewige, das unsterbliche Selbst." Halten wir auf diese Weise Tag für Tag, Stunde um Stunde, das Bewusstsein unserer wahren Natur hoch. Dies wird uns helfen, immer besser zu erkennen, wer wir sind und was wir sind. Mögen wir unser wahres Selbst verwirklichen und glücklich sein!

 
     
   

Yoga-Schule Rolf Heim, Sekretariat, Schöneggstr. 15, CH-9404 Rorschacherberg, Mail: rolfheim@yogaschulen.ch,
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Yesudian - Yoga in der Tradition von Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich