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Einsiedlertum oder normaler Alltag?

Wer von uns hat sich nicht schon gewünscht, irgendwo im Grünen zu wohnen, vielleicht etwas abgeschieden, schön sonnig und ruhig? Wer wünschte sich nicht schon, Zeit zu haben, für sich, für seine Lieblingstätigkeiten, für gute Bücher, schöne Musik und für Gespräche mit seinen Liebsten oder einfach auch zum Meditieren, zum Yoga machen? Dem Einen oder Andern wäre es auch nicht unangenehm, dieses Leben in wärmeren Breitengraden zu geniessen, so versorgt und mit allem ausgestattet, dass es an nichts fehlen würde. Hört sich das nicht gut an?

Im ersten Moment scheinen solche Aussichten verlockend, erinnernd an das Paradies auf Erden. Ja, das wäre es auch, nämlich ein Ort der Spannungslosigkeit, keine Arbeit, kein Existenzkampf, einfach nur sein. Glauben wir, dass dieses Leben das grosse Glück bedeuten würde? - Nein, wir alle wissen ganz genau, dass uns ein solches Leben auf längere Zeit nicht befriedigen würde. Im Leben haben wir Aufgaben zu erfüllen, kleinere oder grössere, einfachere oder schwierigere. Alle diese Aufgaben haben einen Zweck, nämlich, lernen zu leben.

Lernen, richtig zu leben, tönt so einfach. Wir leben ja schon, was gibt es da noch zu lernen? Jeder weiss ganz genau, dass in seinem Leben nicht alles perfekt abgelaufen ist, wie er es gerne gehabt hätte. Jeder kennt seine Stärken und Schwächen am besten und weiss, dass sein Verhalten, sein Denken uns seine Reaktionen nicht immer optimal sind. Was will nun das Leben von uns? Meisterschaft, nicht mehr und nicht weniger.

Jeder, der eine Kunst erlernt hat, weiss, dass damit viel Arbeit, Fleiss, Durchhaltewillen und Erfahrung verbunden ist. Es spielt keine Rolle, ob es sich um Sport, Musik, Arbeit oder andere bildende Künste handelt. Kunst kommt von Können und ein Künstler beherrscht sein Metier, wie kaum ein Zweiter. Wenn jemand ein Instrument lernt, beginnt er mit einfachen Übungen und kleinen Musikstücken. Mit zunehmenden Fähigkeiten werden die Anforderungen immer anspruchsvoller bis hin zum Musizieren im Ensemble oder zur Konzerttätigkeit. „Vollkommenheit gibt es nicht“ sagte jeweils mein Gesangsprofessor. Aber das Höchste auf jeder Stufe anzustreben ist das Ziel.

So stellen wir auch im Leben fest, dass wir mit jeder Aufgabe wachsen, um Erfahrungen reicher werden und in der Kunst des richtigen Lebens Fortschritte machen. Vielleicht haben wir auf gewisse Ereignisse lange falsch reagiert - aber irgendwann kommt der Punkt, wo wir uns besser verhalten. Meistens sind es Enttäuschungen oder Schicksalsschläge, die uns stark und widerstandsfähiger gemacht haben. Einmal weilten wir in der Yogasommerschule in Ponte Tresa in einer Fragestunde mit Elisabeth Haich. Wir waren etwa 100 Zuhörer und gegen den Park waren die grossen Fenstertüren offen. Plötzlich kam ein Irrer durch herein und attackierte Elisabeth Haich mit Worten aufs heftigste. Sie blieb vollkommen ruhig. Sie hatte in Ihrem Leben und im Krieg zuviel erlebt, als dass sie durch einen solchen Zwischenfall aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte. Sie redete ihm beruhigend zu und dann ging er wieder. Während der ganzen Zeit hatte das Papierblatt in der Hand von Elisabeth nicht im geringsten gezittert.

So wollen wir den Anforderungen des Lebens begegnen: mit Bewusstsein und Kraft. Wir können nur im Leben selbst unter Beweis stellen, was wir schon beherrschen oder was wir noch weiter bis zur Meisterschaft üben dürfen. Das Höchste zu erreichen ist das Ziel!

 
     
   

Yoga-Schule Rolf Heim, Sekretariat, Schöneggstr. 15, CH-9404 Rorschacherberg, Mail: rolfheim@yogaschulen.ch,
Tel: 071 855 38 52 oder 0041 (0)79 286 98 16  
Yesudian - Yoga in der Tradition von Selvarajan Yesudian und Elisabeth Haich