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Ramakrishna – der grosse Heilige
Ramakrishnas Eltern, Khudiram Chattopadhyaya und
Chandra Devi, hatten im Jahre 1799 geheiratet. In der Folge wurden dem
Brahmanen- Ehepaar 3 Kinder, 2 Knaben und ein Mädchen geboren. Am 18.
Februar, im Jahre 1836, erblickte Ramakrishna als viertes Kind das Licht
der Welt, im Kamarpukur, einem kleinen Dorfe Bengalens, das von Banyan-
und Mangobäumen beschattet wird und von Reisfeldern und Teichen umgeben
ist. Seine Eltern gaben ihm den Namen Gadadhar, Zepterträger, ein Name,
der unter vielen anderen Vischnu zukommt. Gescheit, frühreif, mit
überraschendem Gedächtnis begabt, voll Gesundheit und lebhaften Geistes
wuchs Gadadhar auf. Er war ein Kind, das eine wirkliche Neigung zum
Modellieren, zur Malerei und zum Gesang zeigte, aber über alles liebte
er doch die epischen Erzählungen der Hindumythologie.
Erste Entrückung
Der junge Gadadhar erlebte seine erste Entrückung im Alter von sechs
Jahren. Eines Tages im Sommer schlenderte er einen engen Pfad zwischen
Reisfeldern entlang, wobei er gedünsteten Reis verzehrte, den er in
einem Korbe trug. Er sah zum Himmel auf und erblickte eine schöne dunkle
Gewitterwolke, die sich schnell ausbreitete und den ganzen Himmel
bedeckte. Ein Zug von Kranichen, weiß wie Schnee, zog über ihm hin. Die
Schönheit dieses Gegensatzes überwältigte ihn so, dass er das
Bewusstsein verlor. Er fiel ohnmächtig zu Boden. Der Reis wurde um ihn
herum verstreut. Ein vorbeikommender Bauer fand ihn und trug ihn in
seinen Armen zum Hause seiner Eltern. Später erklärte Ramakrishna, dass
er damals eine unaussprechliche Freude empfunden habe.
Tod des Vaters und Brahmanenweihe
Als sein Vater starb, war er sieben Jahre alt. Dieser Verlust, der ihn
tief betrübte, brachte ihm die Vergänglichkeit der Wesen und der Dinge
zum Bewusstsein. Er fing an, noch mehr zu lesen, besonders die
religiösen Geschichten in den Puranas, die ihn ebenso begeisterten wie
die Erzählungen der Pilger und Mönche, die in Kamarpukur Rast machten,
ehe sie zur Pilgerfahrt zum berühmten Jagannath-Tempel nach Puri
weiterzogen. Er leistete ihnen Dienste und schaute ihnen zu, wenn sie
meditierten. Der kleine Gadadhar empfing im Alter von neun Jahren die
heilige Schnur in der Upanayana genannten Weihefeier, die die Aufnahme
eines Kindes in die brahmanische Gemeinschaft bestätigt.
Große wirtschaftliche Schwierigkeiten — Khudirams Witwe hatte böse Jahre
zu überstehen — nötigten den älteren Bruder Gadadhars nach Kalkutta
überzusiedeln, um dort eine Schule für Sanskrit aufzumachen. Ramkumar
ließ seinen jüngeren, damals sechzehnjährigen Bruder kommen, um ihm in
seiner beruflichen Arbeit zu helfen. Gadadhar erwies sich aber als
ungeschickt für diese Art Arbeit. Er setzte seinen ganzen Eifer daran,
Heiligenbilder zu malen und geistliche Lieder zu singen. Wenn Ramkumar
ihm Vorhaltungen machte, antwortete er, sein einziges Verlangen sei es,
die Weisheit zu erlangen, die seinem Herzen Klarheit bringen und ihm den
unerschütterlichen Frieden geben sollte, nach dem er trachtete. Er
erinnerte sich der Meditationen der Mönche, die er in seiner Kindheit
bedient hatte. Ihre Hingabe, die Reinheit ihres Lebens, ihr Verzicht auf
alles Weltliche hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht.
Er träumte von nichts anderem, als ihrem Beispiel zu folgen. Sein
Sehnsuchtsziel war endgültig auf Gott gerichtet.
Der Kalitempel
In Kalkutta lebte Rani Rasmani, eine reiche, der Kaste der Schudras
zugehörige Witwe. Diese Frau stand in hohem Ansehen. Sie ließ im Jahre
1847 am Ufer des Ganges einen Tempel bauen, der Kali, der Göttlichen
Mutter, geweiht war. Da sie aber eine Schudra war, hatte sie es schwer,
einen Brahmanen zu finden, der gewillt gewesen wäre, das Priesteramt
anzunehmen. Nach lebhaftem Widerspruch Gadadhars gab Ramkumar endlich
nach und wurde zum Verwalter des Kalitempels ernannt.
Als er ein Jahr später starb, nahm Ramakrishna seine
Stelle ein. Dabei unterstützte ihn sein junger Neffe Hriday, welcher
später in seinem Leben eine äusserst hilfreiche Rolle spielte. Mit
zwanzig Jahre war er nun Priester geworden. Sein Zimmer befand sich in
der Reihe der zwölf Schivatempel . Es hatte eine halbrunde Veranda mit
einem von Säulen getragenen Dach und gab den Blick auf den Ganges frei.
Der größere, nach Süden gerichtete Tempel war Kali
geweiht, die als Retterin des Alls verehrt wurde. Ein Basaltbild der
göttlichen Mutter, gekleidet in Goldbrokat, das eine Krone, Halsketten
und auch eine Girlande von Menschenschädeln trug, tanzte auf dem
ausgestreckten Körper Shivas, ihres Gatten. Vor dieser Darstellung der
Göttin empfanden die Gläubigen zugleich die Furcht vor ihrer
zerstörenden Macht wie auch die Gewissheit ihrer mütterlichen
Zärtlichkeit. Kali verkörpert eben im Zusammenspiel dieser beiden
Gegensätze die kosmische Macht, die Ganzheit des Alls.
Ramakrishna ließ sich durch die Stimmung des
Kalitempels ganz und gar gefangen nehmen. Die Göttliche Mutter schien
ihm gegenwärtig zu sein. In seinen Augen wurde sie das höchste Sinnbild
der Naturkräfte, die wahre Vereinigung der Widersprüche. Sie verkörperte
die einzige Wirklichkeit. Seine ganze Seele versank in der Anbetung der
Göttin Kali. Seine Sehnsucht nach der Einheit mit der Gottheit
beherrschte in der Folge die nächsten Monate seines Lebens bis er sie
schlussendlich erlangte.
Erleuchtung
„Plötzlich offenbarte sich mir endlich die gnadenvolle Mutter. Die
verschiedenen Teile der Gebäude, der Tempel und alles andere
verschwanden spurlos vor meinen Augen. Statt dessen sah ich einen Ozean
des Geistes, grenzenlos, unendlich, blendend. Soweit mein Blick reichte,
sah ich glänzende Wogen, die von allen Seiten her sich erhoben und mit
schrecklichem Rauschen auf mich nieder brandeten, als wollten sie mich
verschlingen. Ich konnte nicht mehr atmen. Vom Wirbel der Wogen erfasst,
stürzte ich leblos hin. Was in der äußeren Welt vor sich ging, wusste
ich nicht. Mein Inneres wurde von einer stetigen Welle
unaussprechlicher, mir noch völlig unbekannter Glückseligkeit
durchflutet, und ich fühlte die Gegenwart der göttlichen Mutter.“ In der
Folge war sein Leben von der Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes und
ihrer Erfahrung geprägt. Dies führte ihn oft bis an die Grenzen des
Erträglichen; für sich und seine Umgebung.
Begegnung mit der Brahmanin Bhairavi Brahmani
Eine Brahmanin, die in der geistigen Entwicklung Ramakrishnas eine
wichtige Rolle spielen sollte, erschien eines Tages in Dakshineswar. Sie
war etwa fünfzig Jahre alt, noch schön, im orangefarbenen Gewande des
Sanyasin (Asketen). Sie besaß nichts als zwei Kleider und einige Bücher.
Ramakrishna schilderte ihr seine Erlebnisse, seine Gesichte, die von den
meisten Leuten als Kennzeichen der Narrheit angesehen wurden. Sie
antwortete ihm - «Mein Sohn, in dieser Welt ist jeder ein Narr. Die
einen sind Geldnarren, andere sind Narren der Sinnlichkeit, andere
wieder Narren des Luxus und der Berühmtheit. Du, du bist ein Narr
Gottes.» Sie erklärte ihm, dass er die höchsten Zustände der Sadhana
(geistige Übung) durchgemacht habe, Zustände, die in den
Bhakti-Schriften beschrieben sind; er habe sogar den Mahabhava erreicht,
die höchste Entzückung, die Krönung aller anderen. Nachdem auch die zwei
berühmtesten Pandits ihre Aussage bestätigten, galt Ramakrishna als
höchst geistige Inkarnation.
Ramakrishna (1836 - 1886) empfahl seinen Zuhörern
fast ausschließlich den Weg der Liebe und Verehrung Gottes. Er war kein
Lehrer, der seinen Schülern systematischen Unterricht des Yoga gab. Er
war ein Heiliger, der in der Liebe zu Gott versunken war. Allein seine
Anwesenheit genügte, um die Schüler und Verehrer die göttliche Kraft
erfahren zu lassen und um sie auf deren spirituellem Weg zu bestärken.
"Eine grüne Nuss aus der Schale zu entfernen, ist
fast unmöglich. Lass sie aber trocknen, und das leichteste Klopfen wird
genügen." Ramakrishna
"Wie man sich des niederen Selbstes entledigt: Die
Blüte vergeht von selbst, wenn die Frucht wächst; so wird auch dein
niederes Selbst vergehen, wenn das Göttliche in dir wächst." Ramakrishna
(aus „Ramakrischna“ v. Solange Lemaitre,
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck, und „Ein Werkzeug Gottes
sein“ Benziger Verlag Zürich)
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